• Aniki@feddit.org
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    1 day ago

    ich meine ich bin mir ziemlich sicher dass das mittelalter heutzutage deutlich schlechter dargestellt wird als es tatsächlich war. aber wir werden hier zu keinem ergebnis kommen denke ich denn ich kann das nicht in 1 minute beweisen.

    • luciferofastora@feddit.org
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      12 hours ago

      Gut, ich weiß natürlich nicht von welchen Darstellungen du redest. Sicherlich hatten sie weniger Sorgen um Spritpreise, Atomkraftwerke oder RAM-Knappheit.

      Mich würden deine Argumente aber tatsächlich interessieren, wenn du dir die Zeit nehmen willst, sie niederzuschreiben. Ich finde das eine wichtige Diskussion, um die Gegenwart in Kontext zu setzen und weder all die Fortschritte auszublenden, deren Vorzüge wir genießen, noch die Probleme kleinzureden, die uns weiterhin plagen.

      Daher in dieser Sache meine Argumente:

      Die meisten von uns (in Industrieländern wie Deutschland zumindest) müssen Wasser nicht mehr literweise aus den nächsten Brunnen heimtragen sondern bekommen es fließend, sauber und trinkbar (wenn auch nicht immer genießbar) nach Hause geliefert. Das alleine hat schon immense Vorteile, auch was Hygiene und Gesundheit angeht.
      Medizinische Erkenntnisse haben das Vorbeugen und Behandeln einfacher Krankheiten massiv verbessert und die rechtzeitige Erkennung komplizierter überhaupt erst ermöglicht.
      Wir haben auch Strom und Licht, wodurch wir viel mehr vom Tag ausnutzen können, von den vielen Geräten ganz zu schweigen, die uns das Leben einfacher machen.
      Die industriellen Werkzeuge zur Nahrungs- und Textilherstellung machen nicht nur den Bauern das Leben leichter sondern ermöglichen eine Menge anderer Jobs mit dem Überschuss, den ein mittelalterlicher Bauer so nie hätte erwirtschaften können, und ersparen uns das Spinnen und Weben, wodurch Arbeitskraft für andere Annehmlichkeiten frei wurde.

      Als Untermauerung dieser Argumente kann ich dir eine Blogserie eines Historikers empfehlen, der das sehr ordentlich und fachlich auseinanderpflückt und erklärt:

      • “Life, Work, Death and the Peasant” befasst sich zum einen mit den titulären Mustern, zum anderen auch mit der Methode, wie dieses Wissen hergeleitet wird, gerade da die Bauern selbst selten über ihr Schicksal schreiben (weil sie nicht die Zeit und Muße haben, so viel händisch zu schreiben, wie es die Aristokraten eben tun)
      • Besonders interessant für die Frage, wie viel Bauern arbeiten mussten, sind meiner Meinung nach Teil IVb (“Working Days”) und IVd (“Spinning Plates”), worin auch der deutliche Kontrast zu modernen Arbeitszeiten aufgezeigt wird
      • Die obige Serie verweist auch auf weitere Serien zu Ackerbau und Sozialstruktur vormoderner Bauern (“Bread, How Did They Make It?”) und Textilherstellung (“Clothing, How Did They Make It?”), die den Aufwand der beiden Grundbedürfnisse (Nahrung und Kleidung) vormoderner Gesellschaften näher beleuchten
      • Ergänzend empfehle ich einen Post zur Industrialisierung (“Why No Roman Industrial Revolution?”), der unter anderem anspricht, wie Dampfmaschinen die Textilherstellung beschleunigt haben, was einen begünstigenden wirtschaftlichen Faktor für deren Verbreitung darstellte.

      Uns geht es auch in Industrieländern bei weitem nicht perfekt:
      Ausbeutung ist immer noch ein Problem, Globalisierung hat es zu einem globalen Problem gemacht.
      Industrielle Kriegsführung verschlingt und zerstört deutlich mehr Leben für deutlich weniger Gewinn.
      Klimawandel hat bereits jetzt die üblichen Klimaschwankungen massiv verschlimmert und wird es noch weiter tun.
      Gerade mit den modernen Medien ist es leichter, andere Perspektiven kennenzulernen, all die Mängel unseres Systemes zu sehen und all die möglichen Verbesserungen zu diskutieren, die einem Bauer nie eingefallen wären.

      Das soll kein Argument gegen den Kampf um Fortschritt, Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit sein. Nur, dass es uns hier besser geht rechtfertigt nicht, dass es dafür anderen schlecht gehen muss. Aber Rückschritt ist nicht die Lösung dieser Probleme. Vielmehr sollten wir daran arbeiten, diese Fortschritte auch anderen zur Verfügung zu stellen. Die Globalisierung wird eher schlecht umzukehren sein, und ich finde auch den Austausch mit anderen Kulturen wichtig. Lass uns also eher daran arbeiten, sie zum Vorteil aller zu nutzen.