Das Video kann ich jetzt gerade nicht anschauen, aber ich nehms mir auf die Liste.
Das Problem mit der Arbeitszeit ist einerseits, dass die Bauern ja nicht nur das Maß arbeiten mussten, das sie grundlegend ernährt hätte, sondern dass die Eliten (Großgrundbesitzer, Aristokratie) ihnen möglichst viel Leistung abwzingen wollten um sich am Überschuss zu bereichern. Das “natürliche” Volumen wird sich an dem orientiert haben, was es zur Ernährung brauchte, aber Evolution geschieht nicht in einer Spanne von ein paar Jahrtausenden.
Dass Menschen auch mehr leisten können, wenn sie müssen, sollte eigentlich einleuchten. Unsere 40h-Woche ist bereits eine Verbesserung gegenüber den übelsten Arbeitsbedingungen der Industrialisierung, und wie du sagst ist selbst das ja eigentlich mehr, als wir sollten. Und Zwangsarbeit ist ja leider auch heute noch nicht aus der Welt. Entsprechend ist “natürlich” kein gutes Maß für eine Hierarchie, die versucht “so viel wie möglich” abzuverlangen. Zu welchem Grad das von Ort zu Ort und Zeit zu Zeit geklappt hat ist natürlich variabel, aber dennoch genug, dass sich die Könige und Fürsten bereichern konnten und andere Berufsstände unterhalten werden konnten, obwohl die Agrarwirtschaft vergleichsweise sehr viel weniger effizient war als unsere heutige.
Zum anderen ist auch zu bedenken, dass bezahlter Urlaub und die 5-Tage-Arbeitswoche ein modernes Konstrukt sind. Von Festtagen abgesehen wurde sechs Tage die Woche gearbeitet, und um Kochen und Putzen wird man wahrscheinlich auch am Sonntag nicht drumrumkommen. Selbst wenn wir ein geringeres tägliches Volumen ansetzen wollten, dürfte die jährliche Arbeitslast nicht zwangsläufig geringer gewesen sein.
Alles in allem leuchten mir die Rechnungen von Dr. Devereaux ein, mit denen er zu dem Ergebnis kommt, dass die gesamte Last an Arbeit damals nicht geringer war als unsere heutige. Persönlich ergänzen will ich hier die Bemerkung, dass unsere heutige Arbeit uns gleichzeitig viel mehr Luxus verschafft. Du hast absolut Recht, dass wir weniger arbeiten sollten, und jede Studie zur 4-Tage-Woche gibt dir genauso Recht. Ich behaupte bloß, dass das kein “zurück” sondern ein “vorwärts” sein sollte.
Zu Kriegen: In der Tat waren moderne Kriege sehr viel verheerender. Zum Beispiel war auch die Entwicklung von Artillerie einer der Faktoren der Industrialisierung. Massenmobilisierung ermöglicht das massenhafte Verschleudern von Menschenleben. Atomwaffen sind eh klar.
Das heißt aber nicht, dass das europäische Mittlelater frei von Kriegen war. Vielmehr war es ein Kochtopf vieler kleiner Konflikte nachdem die zentralen Machtstrukturen des römischen Reichs wegfielen, durch andere ersetzt wurden, die dann wieder kollabierten…
Ein Anhaltspunkt wäre zum Beispiel, dass die Römische Kirche unter Androhung spiritueller Strafen die Kriegszeiten einzuschränken suchte (Pax et treuga Dei). Dass man Bauern im Feld erst expliziten Schutz zusprechen muss impliziert, dass Gewalt gegen sie vorher zumindest der Erwähnung wert war.
Klar macht das auch wirtschaftlichen Sinn, die Nahrungsversorgung zu sichern, aber offenbar hat der Sinn alleine noch nicht gereicht, um sie zu verschonen. Geplündert wurde natürlich trotzdem, irgendwas muss die Armee ja essen.
Auch hier: Krieg ist beschissen und wird beschissener. Aber das Mittelalter ist nicht die Antwort auf das Problem. Wir haben vergleichsweise weniger Kriege in Europa heute als damals. Ob das wieder mehr wird mag ich nicht spekulieren, aber das Ziel sollte auf jeden Fall “gar keine” sein, nicht “viele kleine”.
Über die Sklaverei und die Ausrottung ganzer Völker u.a. durch die amerikanische Besiedelung möchte ich hier gar nicht reden.
Ich schon: Sklaverei ist keine US-Erfindung. Die Unterscheidung zwischen Leibeigenen, Bauern ohne Grundbesitz und Bauern, die nicht genug Grund besitzen, um sich alleine zu ernähren ist schwierig genug, um genaue Zahlen zu fixieren, und da die historischen Quellen tendenziell hauptsächlich über “wichtige” Leute schreiben, werden Sklaven selten erwähnt. Pogrome gegen Juden, Moslems, sonstige massenhafte Vernichtungen und Verdrängungen sind ebenfalls im Mittelalter vorhanden.
Dass es weiterhin existiert ist eine Schande, aber auch hier ist eine Regression ins Mittelalter wahrscheinlich keine Verbesserung.
dass social media uns das Denken abgelöst hat
Im Gegensatz zu den freigeistlichen Bauern, die bekanntlich viel Zeit und Bildung zum Philosophieren hatten?
dass überall soziale Konflikte instigiert werden
Im Gegensatz zu kirchlichen Edikten, verschiedene ketzerische Völker zu bekämpfen und versklaven?
Was auf jeden Fall unzweifelhaft sein sollte sind moderne medizinische Fortschritte. Bei uns sterben nicht mehr die Hälfte der Kinder in den ersten zehn Lebensjahren. Dass wir überhaupt ein Konzept von “Krankmeldung” haben ist schon eine Verbesserung. Die Diskussion um Lohnfortzahlung am ersten Arbeitstag wäre lächerlich für Leute, die gar keinen Lohn bekamen. Die Kosten des Gesundheitswesens sind natürlich kein Problem, wenn es kein Gesundheitswesen gibt.
Wir haben auch mehr Möglichkeit, die Welt zu erkunden: ob per Zug oder Auto durch Europa, per Flugzeug in ganz andere Ecken der Erde oder einfach per Internet Bilder und Kultureinblicke, die ein Bauer nie hätte.
Wir haben unglaublich viel Bildung und Forschung. Dass wir dieses Thema überhaupt diskutieren und in einen historischen Kontext setzen können, unterstützt durch die Ergebnisse von Forschern auf Kontinenten, die dem damaligen Bauern nicht mal bekannt waren, ist ein massiver Vorsprung gegenüber einer Gesellschaft, deren historisches Wissen sich auf die Erinnerungen der Großeltern beschränkt und deren Horizont ein paar Dörfer weiter aufhört.
Die Neuzeit ist bei weitem nicht perfekt. Wie du richtig bemerkst, Krieg ist zerstörerischer geworden, gleichzeitig auch überflüssiger da Infrastruktur und Handel viel mehr Wohlstand bringen könnten als Eroberung. Viele alte Probleme haben nur neue Gestalt angenommen. Wir haben auch neue Probleme zu bekämpfen, wie z.B. soziale Kultur, Isolation, Klima, Korruption, die damals nicht existierten.
Die Vergangenheit sieht viel rosiger aus, wenn sie nur aus Perspektive der Eliten beschrieben wird, und wir dabei das Schicksal der restlichen Bevölkerung übersehen. Aber eine Rückkehr ins Mittelalter würde viel mehr nehmen als zurückgeben. Wir haben heute mehr Chancen als je zuvor um Dinge zu verbessern.
Lass uns doch lieber nach vorne schauen und das Mittlelater als Vergleich heranziehen, wohin wir gehen, was wir verbessern wollen, welche Umstände zu den damaligen Ungerechtigkeiten führten und wie wir sie künftig vermeiden können.
Das Video kann ich jetzt gerade nicht anschauen, aber ich nehms mir auf die Liste.
Das Problem mit der Arbeitszeit ist einerseits, dass die Bauern ja nicht nur das Maß arbeiten mussten, das sie grundlegend ernährt hätte, sondern dass die Eliten (Großgrundbesitzer, Aristokratie) ihnen möglichst viel Leistung abwzingen wollten um sich am Überschuss zu bereichern. Das “natürliche” Volumen wird sich an dem orientiert haben, was es zur Ernährung brauchte, aber Evolution geschieht nicht in einer Spanne von ein paar Jahrtausenden.
Dass Menschen auch mehr leisten können, wenn sie müssen, sollte eigentlich einleuchten. Unsere 40h-Woche ist bereits eine Verbesserung gegenüber den übelsten Arbeitsbedingungen der Industrialisierung, und wie du sagst ist selbst das ja eigentlich mehr, als wir sollten. Und Zwangsarbeit ist ja leider auch heute noch nicht aus der Welt. Entsprechend ist “natürlich” kein gutes Maß für eine Hierarchie, die versucht “so viel wie möglich” abzuverlangen. Zu welchem Grad das von Ort zu Ort und Zeit zu Zeit geklappt hat ist natürlich variabel, aber dennoch genug, dass sich die Könige und Fürsten bereichern konnten und andere Berufsstände unterhalten werden konnten, obwohl die Agrarwirtschaft vergleichsweise sehr viel weniger effizient war als unsere heutige.
Zum anderen ist auch zu bedenken, dass bezahlter Urlaub und die 5-Tage-Arbeitswoche ein modernes Konstrukt sind. Von Festtagen abgesehen wurde sechs Tage die Woche gearbeitet, und um Kochen und Putzen wird man wahrscheinlich auch am Sonntag nicht drumrumkommen. Selbst wenn wir ein geringeres tägliches Volumen ansetzen wollten, dürfte die jährliche Arbeitslast nicht zwangsläufig geringer gewesen sein.
Alles in allem leuchten mir die Rechnungen von Dr. Devereaux ein, mit denen er zu dem Ergebnis kommt, dass die gesamte Last an Arbeit damals nicht geringer war als unsere heutige. Persönlich ergänzen will ich hier die Bemerkung, dass unsere heutige Arbeit uns gleichzeitig viel mehr Luxus verschafft. Du hast absolut Recht, dass wir weniger arbeiten sollten, und jede Studie zur 4-Tage-Woche gibt dir genauso Recht. Ich behaupte bloß, dass das kein “zurück” sondern ein “vorwärts” sein sollte.
Zu Kriegen: In der Tat waren moderne Kriege sehr viel verheerender. Zum Beispiel war auch die Entwicklung von Artillerie einer der Faktoren der Industrialisierung. Massenmobilisierung ermöglicht das massenhafte Verschleudern von Menschenleben. Atomwaffen sind eh klar.
Das heißt aber nicht, dass das europäische Mittlelater frei von Kriegen war. Vielmehr war es ein Kochtopf vieler kleiner Konflikte nachdem die zentralen Machtstrukturen des römischen Reichs wegfielen, durch andere ersetzt wurden, die dann wieder kollabierten…
Ein Anhaltspunkt wäre zum Beispiel, dass die Römische Kirche unter Androhung spiritueller Strafen die Kriegszeiten einzuschränken suchte (Pax et treuga Dei). Dass man Bauern im Feld erst expliziten Schutz zusprechen muss impliziert, dass Gewalt gegen sie vorher zumindest der Erwähnung wert war.
Klar macht das auch wirtschaftlichen Sinn, die Nahrungsversorgung zu sichern, aber offenbar hat der Sinn alleine noch nicht gereicht, um sie zu verschonen. Geplündert wurde natürlich trotzdem, irgendwas muss die Armee ja essen.
Auch hier: Krieg ist beschissen und wird beschissener. Aber das Mittelalter ist nicht die Antwort auf das Problem. Wir haben vergleichsweise weniger Kriege in Europa heute als damals. Ob das wieder mehr wird mag ich nicht spekulieren, aber das Ziel sollte auf jeden Fall “gar keine” sein, nicht “viele kleine”.
Ich schon: Sklaverei ist keine US-Erfindung. Die Unterscheidung zwischen Leibeigenen, Bauern ohne Grundbesitz und Bauern, die nicht genug Grund besitzen, um sich alleine zu ernähren ist schwierig genug, um genaue Zahlen zu fixieren, und da die historischen Quellen tendenziell hauptsächlich über “wichtige” Leute schreiben, werden Sklaven selten erwähnt. Pogrome gegen Juden, Moslems, sonstige massenhafte Vernichtungen und Verdrängungen sind ebenfalls im Mittelalter vorhanden.
Dass es weiterhin existiert ist eine Schande, aber auch hier ist eine Regression ins Mittelalter wahrscheinlich keine Verbesserung.
Im Gegensatz zu den freigeistlichen Bauern, die bekanntlich viel Zeit und Bildung zum Philosophieren hatten?
Im Gegensatz zu kirchlichen Edikten, verschiedene ketzerische Völker zu bekämpfen und versklaven?
Was auf jeden Fall unzweifelhaft sein sollte sind moderne medizinische Fortschritte. Bei uns sterben nicht mehr die Hälfte der Kinder in den ersten zehn Lebensjahren. Dass wir überhaupt ein Konzept von “Krankmeldung” haben ist schon eine Verbesserung. Die Diskussion um Lohnfortzahlung am ersten Arbeitstag wäre lächerlich für Leute, die gar keinen Lohn bekamen. Die Kosten des Gesundheitswesens sind natürlich kein Problem, wenn es kein Gesundheitswesen gibt.
Wir haben auch mehr Möglichkeit, die Welt zu erkunden: ob per Zug oder Auto durch Europa, per Flugzeug in ganz andere Ecken der Erde oder einfach per Internet Bilder und Kultureinblicke, die ein Bauer nie hätte.
Wir haben unglaublich viel Bildung und Forschung. Dass wir dieses Thema überhaupt diskutieren und in einen historischen Kontext setzen können, unterstützt durch die Ergebnisse von Forschern auf Kontinenten, die dem damaligen Bauern nicht mal bekannt waren, ist ein massiver Vorsprung gegenüber einer Gesellschaft, deren historisches Wissen sich auf die Erinnerungen der Großeltern beschränkt und deren Horizont ein paar Dörfer weiter aufhört.
Die Neuzeit ist bei weitem nicht perfekt. Wie du richtig bemerkst, Krieg ist zerstörerischer geworden, gleichzeitig auch überflüssiger da Infrastruktur und Handel viel mehr Wohlstand bringen könnten als Eroberung. Viele alte Probleme haben nur neue Gestalt angenommen. Wir haben auch neue Probleme zu bekämpfen, wie z.B. soziale Kultur, Isolation, Klima, Korruption, die damals nicht existierten.
Die Vergangenheit sieht viel rosiger aus, wenn sie nur aus Perspektive der Eliten beschrieben wird, und wir dabei das Schicksal der restlichen Bevölkerung übersehen. Aber eine Rückkehr ins Mittelalter würde viel mehr nehmen als zurückgeben. Wir haben heute mehr Chancen als je zuvor um Dinge zu verbessern.
Lass uns doch lieber nach vorne schauen und das Mittlelater als Vergleich heranziehen, wohin wir gehen, was wir verbessern wollen, welche Umstände zu den damaligen Ungerechtigkeiten führten und wie wir sie künftig vermeiden können.