Ich verstehe noch nicht so ganz wie das durchgesetzt werden soll, wenn ich ehrlich bin.
Mit Bußgeldern wird dieses Verbot durchgesetzt: 40 Euro beim ersten Verstoß und bis zu 200 Euro bei Wiederholungen werden eingezogen.
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit das jemand der am Bahnhof sitzt, vielleicht sogar lebt, imstande ist Bußgelder zu zahlen? Die Person landet dann früher oder später in Erzwingungshaft und danach wieder auf der Straße.
Reicht das echt um Suchtkranke zu vertreiben?
Ich nehme mal an die sind generell nur dort weil es da halbwegs warm, trocken und beleuchtet ist. Wenn die dort nicht mehr sein dürfen/können/wollen, wo gehen die dann hin? Öffentliche Parks?
Man bräuchte halt echt Konsumräume, wenn man sich schon nicht um das Kernproblem kümmern will.
So weit, so gut. Doch unter vielen Aspekten ist ein Alkoholverbot an Bahnhöfen zu einfach gedacht, denn das strukturelle Problem wird zum größten Teil einfach verdrängt. Häufig sind obdachlose Menschen alkoholkrank und leben teilweise in Bahnhöfen. Kaum bezahlbarer Wohnungsraum, Krankheiten und Arbeitsverlust: Das sind Gründe, weshalb Menschen zur Flasche greifen, um sich von ihrem Leid abzulenken. Ein Alkoholverbot bestraft sie für ihre Krankheit und Lebensumstände. Sollten sie sich an die Regeln halten, können sie sich eben ein paar Straßen weiter betrinken. Das Problem wird in den Bahnhöfen unsichtbar gemacht, aber eben nicht gelöst.
Ich weiß ja nicht. Klar ist das scheiße, wenn Suchtkranke dann keine Hilfe bekommen. Aber gleichzeitig ist es halt schon schwierig, wenn sich die Probleme der Gesellschaft dann in den Bahnhöfen versammeln und andere Menschen sich dort unwohl und unsicher fühlen, weil es dann dort zunehmend auch unsicher ist. Es ist halt richtig kacke, wenn man nachts alleine durch die U-Bahn vorbei an einem Haufen Drogensüchtiger mit Hunden muss. Es ist miese, wenn man im Dunkeln am Bahnsteig wartet und dann dort Betrunkene rumpöbeln und einen ansprechen. Manchmal will man auch einfach nur morgens in Ruhe zur Arbeit und eben nicht von mehreren Leuten angebettelt werden.
Ja, da gibt es definitiv das Bedürfnis, dass wir als Gesellschaft diesen Leuten helfen. Aber das heißt halt noch lange nicht, dass sie im Bahnhof dann saufen, wohnen oder Drogen konsumieren dürfen. Die Funktion eines Bahnhofs ist halt, dass dort sehr viele Menschen ihren Zug bekommen und wenn wir wollen, dass mehr Leute den ÖPNV nutzen, dann müssen wir auch dafür sorgen, dass mehr Leute sich dort wohl fühlen. Das bedeutet dann aber auch, dass halt nicht auf dem Bahnhofsvorplatz Crack geraucht wird und die Suchtis im Schließfach pennen
Ich verstehe das Verdrängungsargument auch nicht. Niemand behauptet, damit ist den drogensüchtigen geholfen. Und offensichtlich hilft eine extreme Sichtbarkeit des Problems denen ebensowenig.
Ich fühl mich selbst als breit gebauter Mann im Hbf an dem wir häufig sind unwohl. Meine Frau kann ich garnicht überzeugen, den zu passieren, wenns nicht absolut sein muss.
Wenn das Problem unsichtbar gemacht wird fällt auch der politische Druck weg, den Menschen tatsächlich zu helfen.
Das ist ehrlicherweise ein Rezept jeden beliebigen gesellschaftlichen Konflikt auszusitzen. Die Interessen der Reisenden kollidieren hier mit denen der Konsumenten. Das auszugleichen ist Aufgabe der Politik, auch wenn es unterhalb von „Drogensucht wird geheilt“ geschieht.
Deine beschreibung mit den Erlebnissen nahe bahnhof war tatsächlich der hauptgrund, weshalb ich trotz jobticket darauf umgestiegen bin nach FFM innenstadt mim auto zu fahren.
Ist in vielerlei hinsicht scheiße für unwelt und die city aber ich wollte das einfach nicht mehr ertragen.
Finanziell dadurch maximal negativ für mich, aber der preis war es mir wert.
Ich mein diese situation hat das fass halt nur zum überlaufen gebracht.
Unzuverlässige bahn, oft keine klimaanlage im sommer. Dann im winter gern mal in offenbach gestrandet sein zu ner gottlosen uhrzeit, weil man mal bissl länger gearbeitet hat und sich jemand auf die bahngleise geworfen hat… da dann ne bus-verbindung für 30km strecke zu finden. Yayyyy
Und mim auto haste deine metallenen 4 wände, klimatisiert, geschützt vor pöblern und sonstigen komischen gestalten. Und wenns mal staut, sitzt du immerhin wenigstens noch in deinem auto und nicht auf irgend nem gruseligen gleis in dunkelheit und bei niedrigen temperaturen fest und betest, dass dein handyakku noch genug dampf hat.
Im auto ist dir so ein stundenlanger stau halt mehr inconveniance anstatt einer gefahr.
Will dass alles nur belichten um mal ne first-hand erfahrung zu teilen, von jemandem der jahrelang mit den öffis in ne metropole gependelt ist und letztendlich aufs auto umgestiegen ist. Also um mal zu zeigen, woher womöglich die vielen autofahrer kommen.
Und gleichzeitig zeigt das halt auch, dass ganz konkret probleme bestehen, die die leute weg von den öffis treiben, hin zum auto. Und die kann man angehen.
Besser beleuchtete bahnhöfe. Actually mal ne strategie für reisende parat halten, wenn mal eine komplette streckensperrung auf einer der größten pendelabschnitten geschieht und auch die kunden darüber informieren…
Und eben halt auch dafür sorgen, dass die innenstädte und vorallem die bahnhöfe angstfrei nach dunkelheit passierbar sind und auch die wege dorthin.
Der autofahrer geht von seinem arbeitsort zu seinem auto, verschließt die türen und fährt los. Der zugfahrer hat ne menge mehr probleme.
Ich kann dir da leider nur zustimmen :(
Und eben halt auch dafür sorgen, dass die innenstädte und vorallem die bahnhöfe angstfrei nach dunkelheit passierbar sind
Wieviel zu viel Verschwörungstheorie ist es, davon auszugehen, dass es gewollt ist und genau so der Individualverkehr gefördert wird?
Da schneidet Ockham’s Rasiermesser.
Außerdem: die Politiker, die besonders mit MIV liebäugeln, würden liebend gern nachts überall Hundertschaften der Polizei patrouillieren lassen, die alles wegkloppen und einsperren, was ihrer Ansicht nach nichts im Stadtbild zu suchen hat.
nachts überall Hundertschaften der Polizei patrouillieren lassen
Ich dachte wir sprachen darüber, dass der öffentliche Raum sicher werden soll?
Dann haben wir kein funktionierendes Modell. Wir haben Politiker die für Sicherheit sorgen würden um den ÖPNV zu stärken und wir haben Politiker, die die Stärkung des ÖPNV akzeptieren würden, wenn sie dafür für Ordnung sorgen könnten. Angstfreie Bahnhöfe wollen beide. Es fehlt die Erklärung, warum sie es nicht umsetzen.
Da kann ich dir nicht folgen.
Wir haben Politiker die für Sicherheit sorgen würden um den ÖPNV zu stärken und wir haben Politiker, die die Stärkung des ÖPNV akzeptieren würden, wenn sie dafür für Ordnung sorgen könnten.
Was meinst du damit?
Grüne wollen ÖPNV, CDU will Sicherheit. Beide müssten am Bahnhof für Ordnung sorgen, machen es aber nicht. Ockham’s Rasiermesser erfordert mehr Komplexität. Ein Grund wäre, dass die Elite so den MIV attraktiv hält.
Wieso sprichst du hier explizit von Grünen und Union?
Ist die Linke, als eine Partei pro ÖPNV, für verstärkte Präsenz von Ordnungsmacht in Bahnhöfen? Ich glaub eher nicht.
Eine Partei wie die AfD hingegen, die für die “Freiheit des deutschen Diesels für den deutschen Mann” ist, würde hingegen am liebsten jeden Zug einzeln durchkämmen und dabei alle Ausländer, Drogenabhängigen, Obdachlosen, Bettler und wer noch so stört, sofort wegsperren lassen.
Die von dir vermutete Verwicklung der Themen bei den Parteien existiert mMn nicht. Ein Law & Order-Politiker will Law & Order überall - und lässt nicht Bahnhöfe aus, schon gar nicht, damit mehr Leute ins Auto steigen. Sein Ziel ist ja gerade, seine Vorstellung von Ordnung auch in die Bereiche zu transportieren, die ‘den Gegner’ betreffen.
Solche Verbote halten meiner Erfahrung nach ungefähr so lange, bis wieder mal Fußball ist.
Deswegen führt man das ja auch kurz vor der WM ein.
Hurra.